Die Corona-Krise hat soziale Probleme sichtbarer gemacht. Ein ÖSTERREICH SICHER-Interview mit AK-Präsidentin Renate Anderl zu den brennenden Fragen unserer Zeit.

Österreich Sicher: Wird nach dem Ende der Corona-Krise die Rekordarbeitslosigkeit ­automatisch auf Vorkrisenniveau sinken oder sind nachhaltige Schäden für den Arbeitsmarkt zu befürchten?
Renate Anderl: Das wird von selbst nicht geschehen, leider werden es etliche Betriebe nicht durch die Krise schaffen. Es muss eine Qualifizierungs­offensive geben, damit Arbeitsuchende wieder Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Es gibt ­einige Branchen, in denen dringend – schon jetzt – Personal gebraucht wird. Zum Beispiel in der Pflege, in der Kinderbetreuung, im Bereich der Digitalisierung oder bei der Bekämpfung der Klimakrise. Da hätte man schon längst aktiv werden müssen.

Wie können die Rekordarbeitslosigkeit gesenkt und langfristige Folgen abgefedert werden bzw. neue Arbeitsplätze entstehen?
Mit Investitionen in die vorhin genannten Bereiche. Der Staat muss hier eine aktive Rolle als Jobmotor und auch als Arbeitgeber übernehmen. In Gesundheits- und Pflegeberufen werden wir bis 2030 über 70.000 neue Arbeitsplätze brauchen. Das nötige Personal muss jetzt ausgebildet werden. Frauen brauchen bessere Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, dafür braucht es mehr Personal in Kinderbildungseinrichtungen –
angefangen bei den Kleinsten. Und diese Einrichtungen müssen ganztägig und flächendeckend in ganz Österreich angeboten werden. Das heißt, auch hier ist sehr großes Potenzial für neue ­Arbeitsplätze gegeben.

Wäre es nicht sinnvoll, Arbeitslosigkeit neu zu denken? Mit neuen Programmen und Konzepten?
Angesichts der horrend hohen Arbeitslosigkeit muss man hier an vielen Schrauben drehen und ­vieles neu denken. Das Arbeitslosengeld muss dringend erhöht werden, auf 70 Prozent. Es gibt jetzt kaum Aussichten auf neue Jobs – knapp 500.000 Arbeitsuchenden stehen ca. 50.000 offene Stellen gegenüber. Derzeit liegt das Arbeitslosengeld bei 55 Prozent – die laufenden Kosten der Betroffenen bleiben aber auf 100 Prozent. Wenn das über Monate so geht, droht Armut. Das kann doch in einem reichen Land wie Österreich niemand hinnehmen. Und auch öffentlich geförderte Arbeitsplätze sind ein wichtiges Instrument. Die AK hat dazu ein Modell, die „Chance 45“, entwickelt, ähnlich wie die vielleicht noch bekannte „Aktion 20.000“: Arbeitslose, die älter als 45 Jahre sind und länger als zwei Jahre keine Arbeit finden, bekommen so wieder die Chance auf Arbeit. Das hat mehrfachen Nutzen. Die Menschen haben wieder Arbeit, das Geld fließt direkt
in den Konsum und den Steuertopf.

Kinder und Jugendlichen droht, ein Jahr Bildung und Leben zu verlieren. Welche Konzepte gibt es dagegen?
Ich fürchte, bei vielen Kindern und Jugendlichen ist das schon Tatsache. Das hat mit einem Zustand zu tun, den es nicht erst seit Corona gibt: Die Bildungschancen der Kinder hängen noch immer davon ab, in welche Haushalte sie geboren werden – sprich vom Geldbörsel der Eltern. Manche Eltern haben mehr Möglichkeiten, ihre Kinder zu unterstützen, andere nicht. Das Schulsystem müsste die ungleichen Bedingungen zu Hause eigentlich ausgleichen und alle Kinder gleich gut mitnehmen – tut es aber nicht. Wir sagen schon lange, dass es nach bestimmten Kriterien gezieltere Förderung von Schulen geben muss – einen Chancenindex. Konkret heißt das mehr Mittel und mehr Betreuungspersonal für Schulen mit besonderen Betreuungsbedürfnissen. Die Bunderegierung hat das
in ihrem Regierungsprogramm ­aufgegriffen, sieht aber nur 100 Schulen vor und hat dazu noch nichts unternommen. Die ­Krise hat ­gezeigt: Wir brauchen viel mehr als 100 Schulen, mindestens 500, und es muss schneller passieren.

Aus der Erfahrung der Corona-Krise: Wo muss aus Ihrer Sicht der Sozialstaat jetzt massiv ausgebaut werden?
Der Sozialstaat hat sich in der Krise vielfach bewährt. Absicherung von Arbeitslosen – auch wenn es hier Verbesserungsbedarf gibt, ein gutes Gesundheitssystem oder auch die Kurzarbeit, die mit Steuergeld Unternehmen und Arbeitsplätze gerettet hat. Das Motto „mehr privat, weniger Staat“ hat sich einmal mehr als absolut falsch erwiesen. Jetzt geht es darum, den Sozialstaat abzusichern und auszubauen: im Gesundheits- und Pflege­bereich, bei der Kinderbetreuung, Bildung, öffentlichen Infrastruktur wie Verkehr, bei Leistungen der Daseinsvorsorge und vielem mehr.

Wenn es um den Ausbau des Sozialstaates geht, müssen wir uns da nicht auch grundsätzlich mit dem Thema ­Armut beschäftigen, das es ja auch vor der Corona-Krise gab? Hier sind auch viele Kinder und Jugendliche betroffen.
Armut an sich ist in einem reichen Land wie Österreich schon inakzeptabel, wenn es um Kinderarmut geht, gilt das noch einmal mehr. Einerseits haben wir im Land so viel Vermögen in den Händen so weniger. Und andererseits gibt es Familien, die heute nicht wissen, ob sie ihren Kindern morgen zu essen geben können. Das geht nicht. Da braucht es ein ganzes Bündel an Maßnahmen: bessere Einkommen in sogenannten Frauenbranchen, mehr ganztägige Kinderbetreuung, damit Frauen Vollzeit arbeiten können, bessere Absicherung bei Arbeitslosigkeit – also höheres Arbeitslosengeld und vieles mehr. Auch das ist nicht erst mit Corona gekommen, man sieht es aber jetzt verstärkt. Was wirklich wichtig wäre, ist den im Land vorhandenen Reichtum besser zu verteilen. Die obersten Zehntausend würden ein bisschen mehr Beiträge gar nicht bemerken, aber „unten“ ­würde das so viel bewirken. Ich verstehe nicht, ­warum man das nicht diskutieren kann, ohne dass manche in Hysterie verfallen.

Frauen und die Krise: Doppelt- und Dreifachbelastung jetzt schon über ein Jahr. Was kann man dagegen tun?
Nicht nur schon über ein Jahr, schon lange davor. Frauen brauchen Rahmenbedingungen, damit sie – wie die Männer – an allen Bereichen von Arbeitswelt und Gesellschaft teilhaben können. Das heißt konkret: Kinder­bildungseinrichtungen ganztags in ganz ­Österreich, auch für die Kleinsten. Dort arbeiten ja bestens ausgebildete PädagogInnen, das tut auch den Kindern gut. Das Gleiche gilt für Ganztagsschulen. Es braucht viel mehr Pflegeeinrichtungen, denn immer noch sind es die Frauen, die Angehörige pflegen und ­dafür zum Teil auch ganz aus dem Berufsleben ausscheiden. Und es braucht Einkommensgerechtigkeit. Wenn immer noch die Frauen weniger verdienen als die Männer, dann sind sie es, die mit Kindern zu Hause bleiben, und das bringt ihnen einen Karriere­knick und niedrigere Pensionen. Hier gibt es wahnsinnig viel zu tun, da würde ich mir von der Bundesregierung wirklich viel mehr ­Engagement wünschen.