Das große ÖSTERREICH SICHER-Interview mit dem ehemaligen Generaldirektor für öffentliche Sicherheit Michael Sika (Bild links) und dem Kriminalpsychologen Thomas Müller (Bild rechts)
zur Causa Briefbomben.

Die stärkste Waffe gegen den Briefbombenattentäter Franz Fuchs war Psycho­logie. Er wurde ganz bewusst unter Druck gesetzt und zu Fehlern verleitet.

Zwischen 1993 und 1997 erschütterte die bislang ­längste Terrorwelle die Zweite Repu­blik. Zur Erinnerung: In Oberwart starben vier junge Männer durch eine Sprengfalle, die linke Hand des damaligen Wiener Bürgermeisters Helmut Zilk wurde verstümmelt und der Polizeibeamte Theo Kelz verlor beide Unter­arme. Durch insgesamt 25 ­Briefbomben wurden weitere prominente Persönlich­keiten verletzt, die vom Attentäter als ausländerfreundlich oder als „fremdstämmig“ angesehen wurden, darunter die ORF-­Redakteurin Silvana Meixner. In Bekennerbriefen versteckte sich der Täter hinter dem Fantasiegebilde einer Bajuwarischen ­Befreiungsfront. Die Republik war in Aufruhr: kriminaltechnisch und politisch.

Die Fahnder von Franz Fuchs
Bis zur Verhaftung des Attentäters am 1. Oktober 1997 stemmten sich in einem beispiellosen Kraftakt vier lange Jahre die SOKO Briefbomben, Kriminaltechniker und zugezogene Wissenschafter gegen den Bomben-Wahnsinn: Unter der Federführung des damaligen Generaldirektors für öffent­liche Sicherheit Michael Sika und unter der Expertise von Kriminalpsychologe Thomas Müller. ÖSTERREICH SICHER bat beide zum Interview. Eine historische Nachbetrachtung, die mit dem Abstand der Ereignisse neue Einblicke bietet.

Österreich Sicher: Vier Jahre ­wurde nach dem Briefbombenattentäter Franz Fuchs gefahndet. Was hat letztlich zu seiner Festnahme geführt?
Michael Sika: Viele Beamte und Experten waren durch Detailarbeit beteiligt und ­deren Leistung muss gewürdigt werden. Ohne ­Thomas Müller wäre es aber viel schwie­riger gewesen. Er hat die Psyche des Täters richtig diagnostiziert und ein entsprechendes Konzept entworfen. Letztlich haben wir Franz Fuchs mit Psychologie zur Strecke gebracht. Aus meiner Sicht hat das die Öffentlichkeit bis heute nicht in diesem Ausmaß wahr­genommen.

Wie ist das zu verstehen?
Thomas Müller: Aus der Bauart der Bomben, also wie er die Bomben konzipiert hat und auf welche Details er geachtet hat, konnte ich ableiten, dass er ein zwanghafter Perfektionist ist. Und solche Menschen kann man ungeheuer unter Druck setzen, weil sie Stress hassen. Also haben wir ihn gestresst, um ihn zu einem Fehler zu verleiten.

Können Sie uns dazu Beispiele nennen?
Sika: Wir haben viele Botschaften an ihn ­abgesetzt. Aber zwei Beispiele dazu: Kurz nach der ersten Briefbombenwelle wurden Peter Binder und Franz Radl als vermeint­liche Attentäter oder Mittäter verhaftet. Binder wurde während seiner Haftzeit Vater einer Tochter. Aus den Bekennerbriefen wussten wir, dass Kinder für Franz Fuchs wichtig sind. Also haben wir eine Botschaft von Binder über die Medien verbreitet, der den Atten­täter bat, sich zu stellen, damit er seine Tochter sehen kann. Wie recht wir hatten, zeigte sich nach der Verhaftung von Fuchs. Das einzige Foto, das bei ihm im Haus an der Wand hing, war das Foto seiner Nichte. Zu einem späteren Zeitpunkt habe ich zum Beispiel in der Öffentlichkeit behauptet, dass wir den Kreis der möglichen Attentäter, die über das technische Know-how für den Bau derartiger Bomben verfügen, österreichweit auf zehn Personen einschränken konnten und dass alle diese Personen permanent überwacht würden. Das war natürlich ein Blödsinn, hat aber seinen Zweck erfüllt. Wir haben aus Franz Fuchs ein Wrack gemacht.

1996 – also ein Jahr vor seiner Verhaftung – erschien das Buch „Der Briefbomber ist unter uns“, in dem erstmals das bis dahin streng gehütete kriminalpsychologische Täterprofil veröffentlicht wurde. Ein bis heute ungewöhnlicher Weg in der Fahndung. War das auch Teil der Strategie?
Sika: Als die beiden Autoren Michael Grassl-Kosa und Hans Steiner mit der Idee eines Briefbomben-Buches zu mir kamen, habe ich das mit Thomas besprochen und er war überzeugt, dass uns zum damaligen
Zeitpunkt eine fundierte Aufarbeitung, kompakt in einem Buch, dem Täter näherbringen kann. Der Täter sollte wissen, was wir bereits alles über ihn wissen, um den Druck zu erhöhen. Also habe ich mein O. K. gegeben. Die Veröffentlichung des Täterprofils war dabei eine heikle Angelegenheit. Ich musste mich danach vom damaligen Innenminister ­Caspar Einem öffentlich wie ein kleiner Schulbub herunterputzen lassen, weil dieser an eine rechte Verschwörergruppe glauben ­wollte, im Gegensatz zum Einzeltäterprofil von ­Thomas Müller.

Als Normalbürger kann man sich schwer vorstellen, wie Psychologie aus jemandem ein Wrack macht. Kann man das bitte erklären?
Müller: Für jemanden, der selbst nicht zwanghaft ist, ist das wenig nachvollziehbar. Aber diese Botschaften haben Franz Fuchs schwer verunsichert und zu Handlungen gezwungen. Auf der Bank in Gralla, dem Heimat­ort von Fuchs, gab es damals noch eine Rohrpost. Und als die Bankbeamtin im Beisein von Fuchs einen Kollegen ­informierte, dass sie ihm jetzt eine „Rohrbombe“, wie die Kapseln umgangssprachlich genannt wurden, rüberschicke, ist Fuchs förmlich ausgeflippt. Er beschwerte sich beim Bankdirektor, dass in seiner Gegenwart das Wort Rohr­bombe benutzt worden war und wollte genau wissen, warum. Er baute in seinem Wagen eine Sprengvorrichtung ein, um sich im Falle einer Verhaftung selbst in die Luft zu sprengen. Er begann, die Kennzeichen aller Fahrzeuge, die an seinem Haus vorbeifuhren, zu notieren und abzugleichen, wie oft diese vorbeifuhren. Er fotografierte Hubschrauber, die über Gralla flogen.

Im Notieren dieser Kennzeichen lag dann auch der Schlüssel zu seiner Verhaftung. Wie kam es genau dazu?
Müller: Zwei Frauen aus Gralla wollten einen Ausflug nach Slowenien machen. Sie fuhren am Haus von Fuchs vorbei, stellten aber an der Grenze fest, dass sie ihre Pässe vergessen hatten. Also fuhren sie zurück, wieder am Haus von Fuchs vorbei. Dieser fühlte sich observiert und war bereits in einem derartigen Ausnahme­zustand, dass er den beiden Damen nachfuhr und sie wild mit der Lichthupe ­anblinkte. Das Damenduo fühlte sich ­bedroht und rief die Polizei, die bei Franz Fuchs eine Verkehrskontrolle durchführte. Hätte er ­damals behauptet, er sei irrtümlich an der Lichthupe angekommen, hätte er weiterfahren können. Er aber war überzeugt, aufgeflogen zu sein und betätigte den Sprengsatz in seinem Auto, der ihn nicht tötete, sondern beide ­Hände abriss. Wie man sieht, war er wirklich völlig verun­sichert und am Ende.

So wie der damalige Innenminister Caspar Einem von einer rechten Tätergruppe ausging, gibt es immer noch Stimmen, die nicht an einen Einzeltäter glauben. Was gibt es dazu zu sagen?
Müller: Franz Fuchs musste beim Bau der Bomben, beim Schreiben der Bekennerbriefe und der Opferauswahl mehr als 6.000 Einzelentscheidungen treffen, wie die Analyse ergab, wobei wir keinen Widerspruch in den Entscheidungen gefunden haben. Aus der Kriminalistik wissen wir, dass es bei mehreren Tätern Probleme oder Widersprüche ­gegeben hätte. Darüber hinaus hält es niemand mit einem zwanghaften Menschen aus. Das ist Fakt. Bevor Franz Fuchs am 26. Februar 2000 im Gefängnis Selbstmord beging, wurde er vom psychiatrischen Gutachter Reinhard Haller befragt. Dieser stellte ihm die Frage, ob es die Bajuwarische Befreiungsfront wirklich gegeben hätte? Die Antwort von Fuchs: „Wenn ich diese Frage wahrheitsgemäß beantworten würde, wäre alles ­umsonst gewesen.“ Das sagt eigentlich alles. Entscheiden Sie selbst.

Welche Auswirkungen hatte der Briefbombenfall auf die Fahndungsmethoden?
Sika: Ganz groß können wir uns an den Hut hängen, dass wir die kriminaltechnische DNA-Forschung implementiert haben. Damals gab es das nur in Großbritannien und wir haben in Innsbruck ein Zentrum errichtet, das anfänglich Anlaufstelle für ganz Europa wurde. Neu hinzugekommen ist auch das
interdisziplinäre Querdenken. Ein Beispiel dazu: Die Rohrbombe in Oberwart hatte Fuchs mit Gips ausgegossen. Durch eine Restwasseruntersuchung konnte heraus­gefunden werden, dass die Wasser-Isotope aus der Leibnitzer Bucht, also der südlichen Steiermark, der Wohnumgebung des Attentäters, stammen. Möglich war das durch den Glykolskandal, bei dem österreichweit eine Wasser-Isotopen-Karte angelegt
wurde. Es flossen also verstärkt wissenschaftliche Erkenntnisse in die Kriminalistik ein. Außerdem haben wir den kriminalpsychologischen Dienst eingerichtet. Leider muss ich mir heute die Fragen stellen, was ­daraus geworden ist.

Müller: Ich möchte Michael Sika Dank und Anerkennung aussprechen. Er hat die Exekutive hochgerüstet. Mit der DNA-Datenbank wurde es zum Beispiel möglich, Einzel­täter als Serientäter zu erkennen. Das ist ein ­großer Fortschritt.


Briefbombenattentäter Franz Fuchs im Gerichtssaal. Er beging im Jahr 2000 Selbstmord.